Samurai Spirit Seminar mit Malcolm Dorfman Shihan und Thomas Schulze Shihan in Siegen
Manche Lehrgänge enden am Sonntag. Andere wirken weiter – weil man mit neuen Übungen, frischem Spirit und dem Wunsch nach Hause fährt, das Erlebte im eigenen Training weiterzuentwickeln.
Das Samurai Spirit Seminar in Siegen war genau so ein Lehrgang.
Mit Malcolm Dorfman Shihan und Thomas Schulze Shihan standen zwei außergewöhnliche Karateka in der Halle, deren Wege seit vielen Jahren eng miteinander verbunden sind. Thomas Schulze Shihan verbrachte einst ein intensives Trainingsjahr in Südafrika, lebte und trainierte bei Malcolm Dorfman Shihan und nahm zudem an Stan Schmidts legendärer „Morning Class“ teil.
Auch inhaltlich ergänzten sich beide Meister hervorragend. Durch das gesamte Wochenende zog sich dabei eine gemeinsame Leitidee:
Eine Technik muss wirken.
Bei Thomas Schulze Shihan führte der Weg zur Wirksamkeit vor allem über das Timing.
Vom Go-no-sen bis zum Sen-no-sen wurde daran gearbeitet, wann eine erfolgreiche Abwehr eigentlich beginnt: Erst wenn der gegnerische Angriff unterwegs ist – oder bereits in dem Moment, in dem aus der Absicht eine Bewegung wird?
Beim Go-no-sen galt es, den bereits eingeleiteten Angriff so abzuwehren, dass aus der Reaktion unmittelbar die eigene Aktion entsteht. Je weiter sich das Timing in Richtung Sen-no-sen verschob, desto stärker ging es darum, selbst die Initiative zu übernehmen und dem Angreifer möglichst keinen Raum zur Entwicklung seiner Technik zu lassen.
Die Techniken waren vielfach bekannt. Die Herausforderung lag im entscheidenden Detail:
Nicht nur was man macht entscheidet – sondern vor allem wann.
Bei Malcolm Dorfman Shihan wurde das Thema Wirksamkeit Schritt für Schritt aufgebaut – jede Übung zunächst allein, danach mit Partner.
Ausgangspunkt war eine neutrale, aber jederzeit wachsame Haltung im Renoji-Dachi. Der Körper ist dabei abgedreht, um insbesondere die empfindliche Zentrallinie zu schützen und dennoch unmittelbar reagieren zu können.
Im Mittelpunkt stand erneut das von Malcolm Dorfman Shihan vermittelte Naitenkin To Shindo – Adduktion und Vibration – basierend auf Grundprinzipien des KWF-Karate.
Aus dem Renoji-Dachi führte die Abwehr in den Nekoashi-Dachi. Durch das Zusammenziehen und Komprimieren der Oberschenkel wurde der Körper bereits für die nächste Aktion geladen. Aus dieser Kompression heraus explodierte der Gegenangriff in den Sanchin-Dachi.
Der Block ist damit nicht das Ende der Bewegung, sondern bereits die Vorbereitung des Gegenangriffs.
Beine, Körper und Technik arbeiten als Einheit, im entscheidenden Moment unterstützt durch die Vibration des Körpers.
Besonders eindrucksvoll bleibt die außergewöhnliche Beweglichkeit von Malcolm Dorfman Shihan in den Fußgelenken. Sie ermöglicht eine enorme Kompression und Vorspannung, aus der sich die Technik selbst auf kürzester Distanz explosiv entfalten kann.
Zunächst wurde dieses Prinzip mit einem einzelnen Gegenangriff geübt – allein und anschließend mit Partner.
Aus einzelnen Gegenangriffen entstanden Flowing Techniques.
Auch hier wurde zunächst allein und anschließend mit Partner gearbeitet. Die Endposition einer Technik ist gleichzeitig die Vorbereitung der nächsten. Es gibt keinen unnötigen Stopp und keine zusätzliche Ausholbewegung.
So lassen sich innerhalb von etwa zwei Sekunden vier oder mehr Gegenangriffe ausführen.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Techniken möglichst schnell hintereinander auszuführen. Durch Adduktion, Explosivität und Vibration soll jede einzelne Technik für sich bereits kampfentscheidend sein.
Nach Abschluss der Flowing Techniques folgt der kontrollierte Rückzug auf größere Distanz und zurück in eine neutrale, wachsame Haltung – immer mit Zanshin.
Die Aktion endet nicht mit der letzten Technik. Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft bleiben bestehen.
Gerade das Zusammenspiel der beiden Shihan machte diesen Lehrgang besonders.
Thomas Schulze Shihan näherte sich der Wirksamkeit über Wahrnehmung, Initiative und den richtigen Zeitpunkt. Malcolm Dorfman Shihan zeigte, wie Adduktion, Kompression, Vibration und fließend verbundene Techniken selbst auf engstem Raum enorme Energie und Wirkung erzeugen.
Sein Spirit, seine Präsenz und seine Begeisterung für Karate sind ebenso ansteckend wie seine Explosivität beeindruckend ist. Bei seinen Demonstrationen konnte man Energie und Wirksamkeit nicht nur sehen, sondern unmittelbar spüren. Sie machten Lust darauf, die eigene Technik konsequent weiterzuentwickeln und ihre Wirkung auf ein neues Level zu heben.
Denn letztlich steckt darin eine klare Botschaft: Karate-Techniken müssen mit Ernsthaftigkeit und dem Willen zur Wirksamkeit trainiert werden. Ohne diese Ernsthaftigkeit wird das bloße Üben von Bewegungen zum Tanz – und zur Zeitverschwendung.
Nach fünf intensiven Trainingseinheiten blieben neue Übungen, viele technische Details und vor allem Motivation für das Training zu Hause.
Was von diesem Wochenende besonders bleibt, lässt sich vielleicht am besten in einer Frage zusammenfassen:
Führe ich meine Technik nur richtig aus – oder wirkt sie wirklich?
Unser herzlicher Dank gilt Malcolm Dorfman Shihan und Thomas Schulze Shihan für zwei intensive Tage voller Wissen, Inspiration und Samurai Spirit.
Ein besonderer Dank aus dem Siegener Dojo geht an Rolf und Christine Kringe sowie Egor Praslow und natürlich an alle Helferinnen und Helfer, die diesen besonderen Lehrgang möglich gemacht haben.
Feel the Spirit!
Oss!