01.10.2016

9. Berlin Special

Datum: 01.10.2016 03.10.2016
Ort: Berlin /


Karate at its best

Zum mittlerweile 3. Mal konnten wir vom Bushido Dojo Berlin e.V. das hochrangige Trainerduo Sensei Tatsuya Naka (7. Dan) aus dem fernöstlichen Land der aufgehenden Sonne und Sensei Risto Kiiskilä (6. Dan) aus dem fernnördlichen Land der Polarlichter nach Berlin locken. Zugleich haben ebenso etwa 300 Karateka aus ganz Deutschland und auch sonst aller Herren Länder den Weg in die Turnhöhle der Löwen gefunden.

Es machte beinahe den Eindruck, als hätten sich beide Trainer miteinander abgesprochen, denn beide thematisierten Grundsätzliches zur richtigen Ausführung von Tsukis und deren Anwendung am Partner bzw. Gegner.

Sensei Kiiskilä legte dabei besonderen Wert auf den Gyaku Tsuki.

Hüfte hin, Hüfte her,

Gyaku Tsuki schlagen ist nicht schwer.

Naja, sollte man meinen zumindest, aber Risto Kiiskilä belehrte so manchen von uns eines Besseren. So wurde schnell klar, dass der Gyaku Tsuki eigentlich keine Fausttechnik ist, vielmehr wird mit dem Ellenbogen gezielt und geschlagen. Und wenn man es ganz genau nimmt, ist ein Tsuki im Grunde eine Beintechnik, denn die Kraft kommt eben aus dem abdrückenden Bein. Dass es eine Beintechnik ist, ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint und daher nicht wortwörtlich zu nehmen, aber die Grundaussage behält ihre Gültigkeit: das Bein ist dicker als der Arm und der Impuls wird direkter übertragen, wenn man an den Ellenbogen denkt und nicht an die Faust.

Nachdem wir den Gyaku Tsuki einzeln und in Kombinationen ausführlich geübt haben, durfte der Partner beweisen, dass er alles verstanden hatte, indem er uns wiederum an den notwendigen Stellen korrigierte.

Im nächsten Training bei Risto wurde der Tsuki allgemein beim Jiyu Ippon Kumite nochmal gefestigt, mit besonderem Augenmerk darauf, den Schwerpunkt beim Schlag zu senken. Anschließend praktizierten wir mit verschiedenen Vorübungen den überlaufenen Gyaku Tsuki und probierten diesen intensiv am Partner aus. Ziel war es letztendlich, durch eine Seitwärtsbewegung mit angetäuschtem Gyaku Tsuki unbemerkt den Abstand zu verkleinern, um dann den überlaufenen Gyaku Tsuki sauber im Ziel beim Uke zu platzieren.

Auch bei Naka Sensei standen Tsukis und Grundsätzliches in besonderem Fokus. So merkte man auch in der letzten Reihe an hinterster Stelle und ohne Blickkontakt zum Trainer schnell, dass gerade ein Japaner vorn stehen musste… und das nicht nur daran, dass einem die Erklärungen spanisch japanisch vorkamen, denn von Beginn an spielte die Etiquette eine große Rolle – so z.B. das Hinsetzen in den bzw. das Aufstehen aus dem Seiza-Sitz. Und schon diese auf den ersten Blick bloßen Formalitäten wurden anhand der körperlichen Kraftentfaltung erläutert und durch Partnerübung für jeden erlebbar, was das Verständnis ungemein förderte. Auch bei allen anderen Techniken im Verlaufe des Lehrgangs beschrieb Sensei Naka intensiv das körperliche Wirken, um bei jedem den Grundstein für das eigene Gefühl und die eigenen Gedanken über die richtige Ausführung der Techniken zu legen. Das gilt insbesondere für die Yodan- und Chudan-Tsukis, welche den Grundtenor der Naka-Trainingseinheiten an diesem Wochenende bildeten und daher immer wiederholt und stets erweitert wurden. Dabei kam es darauf an, aus der Kombination Tsuki Yodan, Tsuki Chudan, Tsuki Chudan möglichst viele verschiedene Techniken zu machen. Die Armbewegungen sollte immer gleich bleiben, lediglich durch einen veränderten Rhythmus und durch andere Beinbewegungen ergaben sich andere Einzeltechniken. All jene wurden schlussendlich am Partner ausprobiert und für gut befunden (aber meist nur die eigenen, nicht die vom Partner ;-)).

Und wer sich jetzt fragt: „Und watt is mit Kata?“, dem sei gesagt, dass auch diese nicht zu kurz kam. Naka Sensei trainierte mit uns die Heian Nidan u.a. als einarmige Banditen, um speziell bei den Doppelarmtechniken für jeden Arm das richtige Gefühl zu bekommen. Nachdem das saß, konnten wir im nächsten Training einige Techniken der Heian Nidan in der Bunkai-Interpretation von Naka sehen und üben. Es ist immer wieder atemberaubend, mit welcher Schnelligkeit Naka dabei agiert. Ein kleiner Trost: er sagt, er wird mit dem Alter immer schneller – es gibt also auch für uns noch Hoffnung ;-)

Im letzten Training baute er mit uns eine wilde Kombination in Vor- und Rückwärtsbewegung auf, die so manchen von uns (also mindestens mich) schier zur Verzweiflung brachte. Als er uns dann eröffnete, dass es sich bei dieser Kombination im Prinzip um die Tekki Shodan handelte, welche von der Seitwärtsbewegung in Kiba Dachi in eine Vor-/Rückwärtsbewegung in Zenkutsu Dachi umgemünzt wurde, fiel bei uns der Groschen – half mir aber trotzdem nicht bei der korrekten Ausführung im Schnelldurchlauf…

Wir übten dann noch diverse Male die Tekki Shodan im altgewohnten Ablauf und genossen dabei die zahlreichen Vorführungen Naka Senseis, in denen er uns die traditionellen, ursprünglichen Stellungen und Techniken im Karate erläuterte und die Kraftwirkungen am Partner demonstrierte. Wie bei einer Zauberer-Show hatte man dabei oftmals den Eindruck: „Das muss doch zwischen den beiden abgesprochen sein…!“ oder „Das hat er ja jetzt absichtlich weniger stark gemacht…!“ Deshalb machte es uns besonderen Spaß, diese Wirkungen am eigenen Körper zusammen mit dem Partner nachvollziehen zu können. Und siehe da: es funktioniert wirklich! Obwohl wir nur den Anfang der Kata auf diese Weise analysierten und übten, machte Naka uns deutlich, wie grundlegend die Tekki Shodan für unser Verständnis vom Karate ist. Daher freuen wir uns auf das nächste Mal, wenn wir die Kata fortsetzen.

Aber ein Trainingslager wäre kein Trainingslager, wenn es nicht auch ein Drumherum gäbe. Und das äußerte sich in einer guten Organisation des Lehrgangs (auch wenn wir hinter den Kulissen noch ein paar Hausaufgaben für das nächste Mal mitgenommen haben) und Beherrschung des Andrangs der Menschenmassen. Vielen Dank an der Stelle auch nochmal an die vielen fleißigen Helfer in der Organisation und hinter den verschiedenen Verkaufsständen und an den Halleneingängen. Auch die Abendveranstaltungen ließen nichts zu wünschen übrig, ob nun beim gemütlichen Beisammensein im Festzelt mit Grill und Gulaschkanone oder bei der Sayonara-Party am Sonntag im Restaurant „La Strada“ mit hervorragendem Buffet. Sowohl hier als auch dort wurden die abgebauten und ausgeschwitzten Mineralien mit Hilfe isotonischer Getränke (ja, ich meine Bier) wieder hergestellt. Garniert mit lustigen oder auch Karate-philosophischen Gesprächen und auch Tanzeinlagen hatte jeder seinen Spaß und gute Gelegenheiten, neue Leute kennen zu lernen oder Altbekannte wieder zu treffen. Wie der Berliner so sagt: „Allet jut, Knut!“

Bleibt also nur zu sagen: wir freuen uns schon auf das nächste Mal.

Oss

René Lehmann

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