13.09.2014

Nationaltrainer Thomas Schulze in Groß-Umstadt

Datum: 13.09.2014
Ort: Groß-Umstadt /

Nationaltrainer Thomas Schulze in Groß-Umstadt

Das Karate Dojo Groß-Umstadt veranstaltete am13.09.2014 einen Karatelehrgang, bei dem Karatekas aus dem Rhein-Main-Neckar-Gebiet erneut die Möglichkeit bekamen außerhalb des eigenen Dojos mit Gleichgesinnten zu einem lehrreichen und gewinnbringenden Lehrgang zusammen zu kommen. Auch dieses Mal war es wieder gelungen einen sehr hochkarätigen Trainer zu gewinnen: Nationalcoach Thomas Schulze, 5. Dan, der nach 2008 bereits zum zweiten Mal einen Lehrgang in Groß-Umstadt durchgeführte. Die Bekanntheit des Trainers spiegelte sich nicht zuletzt auch in der großen Teilnehmerzahl des Lehrgangs wieder. Trainiert wurde in der Dreifach-Sporthalle der Ernst-Reuter-Schule im Stadtteil Richen. Für beide Leistungsgruppen – Unterstufe (9. bis 5. Kyu) und Oberstufe (4. Kyu bis Dan) – gab es je zwei Trainingseinheiten zu je 90 Minuten. Im Anschluss an die letzte Trainingseinheit wurden dann noch Prüfungen abgenommen.

Die erste Trainingseinheit startete Sensei Schulze nach ein paar Aufwärmtsukis im Zenkutsu mit Kihon–Techniken: Zunächst wurden Gyaku-Tsuki und Zenkutsu-Dachi geübt. Dabei lag der Schwerpunkt auf der richtigen Stellung der Beine: Vor der Ausführung der Technik musste das hintere Bein immer leicht angewinkelt und ein Stückchen herangezogen werden, um dann beim Schlagen des Gyaku-Tsukis gestreckt zu werden, was dem Tsuki deutlich mehr Dynamik und Kraft verleiht, als ohne entsprechende Beinarbeit. Im Vorwärtsgehen wurde dann geübt das hintere Bein regelmäßig nach zu ziehen, so dass man auch nach mehreren hintereinander ausgeführten Techniken jederzeit in der Lage ist mit der geforderten Dynamik anzugreifen und den Gegner unter Druck zu setzen. Im Sinne der Beweglichkeit wurde diese Technik, die neben der Dynamik auch den enormen Vorteil hat, dass der Gegner es kaum sehen kann und Angriffe dementsprechend für den Gegner weniger gut zu kontrollieren sind, auch im Rückwärtsgehen geübt. Im weiteren Verlauf wurde zum Gyaku-Tsuki noch ein Kizami Tsuki hinzugefügt, was zusätzlich zur Beintechnik eine entsprechende Rotation in der Hüfte erforderte, um die Abfolge der Techniken maximal effektiv auszuführen.

Die Anwendung dieser Kihon-Grundlagen wurde im weiteren Verlauf der ersten Trainingseinheit jeweils mit Partner im Kumite geübt. Ohne dass der Partner abwehrte, sollte zunächst im Stand nur mit Oi Tsuki, Gyaku Tsuki und Kizami Tsuki angegriffen werden und dabei immer auf die Stellung des hinteren Beines geachtet werden. Gesteigert wurde diese Übung dadurch, dass im Vorwärtsgehen fünf Mal angegriffen und beim nachfolgenden Gegenangriff des Partners das entsprechende Rückwärtsgehen trainiert wurde. Schließlich wurden alle Techniken dann selbständig ohne Kommando von den Karatekas in beiden Richtungen geübt.

Bei all diesen Übungen strich Sensei Schulze immer wieder ein grundlegendes und im Karate enorm wichtiges Prinzip heraus: Zanshin (Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Bereitschaft, innere Einstellung). Wie so häufig im Karate drückt hier ein einzelnes Wort sehr viel aus: Es ist wichtig, dass man bei allem was man im Karate macht, mit der entsprechenden Konzentration dabei ist. Schon beim Einnehmen einer Bereitschaftsstellung oder auch beim Wechsel einer Stellung muß dies stets mit Konzentration und einer gewissen (Körper-) Anspannung verbunden sein, die dem Gegner signalisiert: ich bin bereit! Nach jeder Ausführung einer Technik muß man "bei der Sache bleiben" und jederzeit bereit sein den nächsten Angriff auszuführen oder einen Angriff des Gegners abzuwehren. Nur mit dieser entsprechenden inneren Einstellung, die nach außen hin deutlich sichtbar ist, wird Karate effektiv und wirkungsvoll. Nur so ist es möglich innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zu reagieren und den Gegner zu kontrollieren.

Ebenso wichtig und mit Zanshin einhergehend ist das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung: Während der Ausführung einer Technik muß die Muskulatur voll angespannt sein – Kime – und anschließend muß man die Muskulatur wieder entspannen, ohne jedoch die geistige Anspannung, Konzentration und die Bereitschaft zu vernachlässigen. Nur so bekommen Karatetechniken die erforderliche Dynamik, Schnelligkeit und Wirksamkeit.

Im zweiten Teil des Lehrgangs griff Sensei Schulze das Thema Dynamik und geübte Zenkutsu-Beinstellung geschickt auf, indem er die Technik in die Kata Heian Shodan einbaute: Nach jeder Einzeltechnik der Heian Shodan wurde ein Gyaku-Tsuki eingefügt, der mit dem Druck des hinteren Beines den maximalen Effekt erzielen sollte. In der anschließend geübten Heian Nidan griff der Trainer erneut den Aspekt der Schnelligkeit und Dynamik auf, indem einzelne Passagen der Kata mit bewusst zu hohem Tempo gezählt wurden. Hierbei kam es vor allem darauf an, trotz hoher Geschwindigkeit Techniken sauber auszuführen und jede einzelne zum Abschluß zu bringen, statt sie zu "überrennen". Gleichzeitig sollte die Erfahrung gemacht werden, dass eine Temposteigerung einen positiven Einfluß auf die eigene, persönliche Dynamik hat in dem Sinne, dass eine Kata nicht einfach nur nach einem eingefahrenen Schema abläuft.

Im weiteren Verlauf der zweiten Trainingseinheit wurden dann noch die drei Sentei Katas Jion, Empi und Bassai Dai geübt. Hier griff Sensei Schulze einzelne Techniken heraus, um deren richtige Ausführung zu erklären und in mehreren Durchgängen üben zu lassen.

Beispiele:

  • Bei der Anfangstechnik der Bassai Dai, ein Morote-Uchi-Uke, wird nicht von links oben in der Höhe der Schulter ausgeholt, sondern in Höhe der Linke Hüfte.
  • Richtige Stellung beim Kokutsu-Dachi: Hier wurde mit Partner geübt (Aufstellung nebeneinander, Schulter an Schulter und innere Beine mit Gürtel zusammen gebunden), wie aus Shizentai-Stellung ein korrekter Kokutsu-Dachi eingenommen wird, wobei insbesondere auf die richtige Gewichtsverteilung (70/30 hinten/vorne), die korrekte Hüfthaltung (abgedreht) und die Stellung des hinteren Beines (rechtwinklig, mit Spannung nach außen) geachtet wurde.
  • Die Anfangsbewegung der Jion (gleichzeitiger Uchi-Uke rechts und Gedan-Barai links) ist keine rückwärts gerichtete Bewegung, sondern muß Dynamik und Präsenz nach vorne zeigen.
  • In der Abfolge dreimal Age-Uke, Gyaku-Tsuki (letzter Gyaku-Tsuki mit extra Schritt) der Jion soll die gleiche Dynamik vorhanden sein, wie sie in den Kihon-Übungen der ersten Trainingseinheit geübt wurde (hinteres Bein anwinkeln, bei Gyaku-Tsuki strecken und dann gleich wieder heranziehen für den nächsten Schritt).
  • Bei der Empi muß bei der Wendung aus Kosa-Dachi (mit Soto-Uke rechts und Chudan-Tsuki links) in den Zenkutsu (mit Gedan-Barai nach hinten) auf der rechten Ferse gewendet werden und durch das Strecken des rechten Beines Druck in die Bewegungsrichtung des Zenkutsu ausgeübt werden (= keine Wendung auf der Stelle).

Vor der letzten Trainingseinheit wurde – bereits traditionell – das Gruppenfoto aller Teilnehmer aufgenommen und der Cheftrainer des Karate Dojo Groß-Umstadt, Sensei Christian Gradl (6. Dan), richtete Gruß- und Dankesworte an die Teilnehmer und natürlich insbesondere an den Lehrgangsleiter Sensei Thomas Schulze. Als Dankeschön überreichte Sensei Christian abschließend ein kleines Präsent.

Dr. Christian Albrecht, Karate Dojo Groß-Umstadt

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Name: Christian Dr. Albrecht
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