15.03.2014

Zurück zu den Wurzeln - Lehrgang mit Akita Sensei

Datum: 15.03.2014 16.03.2014
Ort: Veitshöchheim /

 

“So prächtig eine Baumkrone mit all den Früchten und Blättern auch sein mag, ab und zu sollte man den Blick senken und den Wurzeln nachspüren, welche das Gebilde Baum erst ermöglichen.”

So, oder so ähnlich, hat Meister Akita das Thema dieses Lehrganges beschrieben, als er uns nach einer Übung zusammenkommen lies.

Akita Sensei vertritt die Ansicht, dass es wenig Sinn mache, immer mehr an neuen, anderen (fremden) Techniken seinem Karate einzuverleiben, sondern lieber Unnötiges weglassen, sich auf Grundsätzliches zu konzentrieren, auf die Wurzeln eben, und so dem eigenen Karate von unten herauf neue Qualität zu geben (Bild 1).

Er meinte das auch ganz pragmatisch, indem wir versuchen sollten, jegliche unnütze Bewegung beim Ausführen einer Technik weg zu lassen, wie da wären:

das Hochziehen der Schultern

Abweichen von der kürzesten Linie (z.B. durch eine bogenförmige Bewegung der Ellenbogen bei einem Zuki)

Schwenken, Neigen, Kippen des Oberkörpers

unnötige Hüftrotationen

Vorschieben eines Hüftgelenkes beim Mae geri

Abheben und Absetzen des Fußes bei einem Schritt (stampfen!)

und vieles mehr

Das Karate von Akita Sensei zeichnet sich durch eine schnörkellose Präzision aus, blitzschnelle, ansatzlose Techniken, sehr schwer vorherzusehen. Besonders faszinieren mich seine Darstellungen, wie er bei Spannung, Konzentration und “versammelt sein“ im Unterbauch (Hara) auf einem abgewinkelten Bein stehend im Oberkörper so locker ist, dass man glauben könnte, er sitze entspannt in einem Sessel.

Das sieht so nichtssagend, so einfach aus, aber gerade hier bewahrheitet sich der Spruch: „Wenn es besonders leicht aussieht, ist es besonders gekonnt“.

 Nachdem ich mit dem Resümee begonnen habe, der Baumkrone sozusagen, schaue ich jetzt auf die Wurzeln und berichte der Reihe nach.

Am ersten Lehrgangstag, nach dem obligatorischen Aufwärmen, begannen wir mit der Grundübung Mae te zuki Jodan / Gyaku zuki Chudan im Stand (Zenkutsu Dachi), zuerst nur die Hüftbewegung, danach mit den Zuki.

Die bekannten Schwierigkeiten bei dieser Übung sind die Stabilität der Knie, die Bewegung der Hüfte, die Lockerheit im Schulterbereich sowie die enge Ellenbogenführung bei den Zuki.

Die Zählfolge begann sehr langsam und steigerte sich bis zu einem extrem schnellen Tempo.

Der Kommentar von Meister Akita:

“Wer beim schnellen Zählen nicht mehr das Tempo halten kann, ist nicht locker genug sondern noch verspannt.“

Schnelligkeit durch Lockerheit, eben.

Nach den Zuki kamen die Geri an die Reihe, und das ganze sehr “oberschenkelfreundlich”.

Aus Heisoku Dachi, die Knie deutlich gebeugt, wurde ein Knie hochgezogen und aus dieser Stellung lockere, schnelle Mae Geri geschnappt. Im Idealfall sollte sich bei dieser Technik außer dem Unterschenkel absolut nichts bewegen.

Akita Sensei zeigte uns, dass wir dazu neigen, bei zunehmendem Tempo die Aufmerksamkeit, das innere Auge, immer mehr vom Hara nach oben wandern zu lassen, äußerlich erkennbar am zunehmenden Hochziehen der Schultern und Anspannung im Oberkörper. Auch hier lautet das Rezept - weglassen (seinlassen)! Leichter gesagt als getan.

Die Übung wurde weiter entwickelt, indem der Mae Geri aus Zenkutsu Dachi getreten und das Bein danach wieder hinten abgesetzt wurde.

Hier zeigte Akita Sensei eindrucksvoll, wie instabil man wird, wenn man beim Mae Geri die Hüfte öffnet, also eine Seite der Hüfte beim Geri etwas vorschiebt. Wir sollten ansatzlos treten, dabei auf eine enge Knieführung am Standbein vorbei achten, Standbein, Knie, Hüfte und Schultern bewegen sich praktisch nicht.

Die nächste Technik bildete einen weiteren Schwerpunkt des Lehrganges, Yoko geri.

Die Übung begann mit Yoko geri Kekomi aus Heisoku dachi, zerlegt in vier Zeiten.

Anheben des Beines, der angehobene Fuß in der Nähe des Knies,

der Tritt (Stoß)

das Bein zurück ziehen

absetzen.

Wir begannen mit Gedan (siehe z.B. Bassai Dai) und arbeiteten uns langsam in den Chudan Bereich vor.

Akita Sensei zeigte seine Ausführung der Technik, welche etwas von bisher Gesehenem abweicht. Darauf gehe ich am Ende des Berichtes nochmals genauer ein.

Der Meister demonstrierte uns, dass ein Yoko geri schwieriger zu treten ist, wenn Schultern und Hüfte in einer Ebene liegen und die Hüfte voll geöffnet wird, denn das Hüftgelenk erlaubt in der Regel nur eine begrenzte Seitenbewegung des Beines.

Besser wird die Situation, wenn man den Oberkörper leicht in Richtung des tretenden Beines dreht und dabei in der Leiste des tretenden Beines leicht einknickt (Bild 2).

Anschließend war der Yoko geri aus Zenkutsu Dachi zu treten.

Hier wurde uns gezeigt, dass nicht die Hüfte, sondern der Körperschwerpunkt in den Gegner zu treiben ist, auch hier wieder konnte ich über die Lockerheit im Oberkörper von Meister Akita nur staunen (Bild 3).

Nach der halbstündigen Mittagspause wurde das bisher gelehrte Prinzip ebenfalls auf die Techniken Soto uke, Uchi uke und Shuto uke angewandt.

Die besondere Schwierigkeit ist hierbei, die in Hanmi befindliche Hüfte nicht unnötig zu bewegen, also z.B. nicht zu Beginn des nächsten Schrittes die Hüfte zuerst in Shomen zu drehen, sich dann nach vorne zu bewegen und abschließend mit der Technik die Hüfte wieder in die entgegengesetzte Hanmi Position zu drehen. Die Hüfte macht am Anfang des Schritten einfach gar nichts (weglassen von unnötigen Bewegungen), sondern der Körperschwerpunkt wird, in einer Höhe, nach vorn bewegt, und zum Schluss, synchron zur Armtechnik, wird die Hüfte einmal rotiert und der Impuls zur Steigerung der Kime genutzt.

Zum Abschluss des ersten Tages durften wir beim Kihon Kumite zeigen, ob wir auch im Stress in der Lage sind, die neu- wiederentdeckten Besonderheiten des Shotokan Karates umzusetzen.

Am Abend trafen sich erfreulich viele der Teilnehmer zum Abendessen im “Korkenzieher” in Güntersleben, das war allein schon wegen des dort kredenzten Landbieres (dunkel-gold-gelbes, würziges Bier) ein Erlebnis.

Der Sonntag Morgen bescherte uns allen zusammen eine letzte Trainingseinheit, den Schwerpunkt bildete diesmal, in Form eines Partnertrainings, der Yoko geri keage, ohne und mit gleichzeitigem Uraken.

Was wir dabei gelernt hatten, durften wir zum Ende beim Vortragen der Kata Heian Yondan zeigen.

Nach dem Vortrag der Kata (ohne Zählen) brachte uns Akita Sensei zum Nachdenken, indem er betonte:

“Lasst euch nicht durch äußere Einflüsse ablenken, ihr müsst ganz bei der Sache sein. So darf nicht der Blick in die eine

Richtung, der Uraken in eine andere und der Yoko geri in nochmals eine andere Richtung gehen. Ihr müsst euch auf den Gegner konzentrieren, ihn „sehen“ und eure Techniken in's Ziel bringen.

Schaut nicht nach den Anderen, konzentriert euch nur auf euch selbst. Das Problem ist meistens ist nicht „dort“, sondern „hier“, bei euch!“

Jetzt sitze ich schon wieder zu Hause, schreibe diesen Bericht und überlege mir, wie ich die Schwerpunkte des hervorragenden Lehrganges in meiner Trainingspraxis umsetzen kann. Aber auch hier gilt wohl, weniger ist mehr, und deshalb picke ich mir einen Punkt nach dem anderen heraus, anfangen werde ich mit dem Yoko geri.

Meinen Bericht beenden möchte ich, indem ich Meister Akita nochmals zu Wort kommen lasse.

An ihn wurde die Frage gestellt, welche Yoko geri Technik die Richtige sei, Hüfte öffnen oder nicht, das Standbein beim Stoß ganz strecken oder nicht, der Fragesteller habe mehrere unterschiedliche Ausführungen gesehen.

Meister Akita's kurze Antwort: „Ihr müsst selbst wählen!“

Die lange Antwort:

“Ich bin nicht hier, um euch die „Wahrheit“ zu vermitteln, sondern das, was ich aufgrund meiner Studien und meiner Erfahrung als richtig empfinde, ich bin hier, um meine Erfahrung mit euch auszutauschen, nicht um den einzig richtigen Weg zu predigen“, dann fügte er mit einem breiten Lächeln hinzu:

“Ihr müßt meine Empfehlung nicht übernehmen, aber meine Schüler, in meinem Dôjô, die müssen“!

Abschließend ordnete er seine Schule wie folgt ein:

“Ich weiß, dass mein Karate nicht aufregend, nicht spektakulär ist, manche mögen es sogar als langweilig betrachten, aber das Bestreben nach Perfektion beginnt bei den Wurzeln, dem Stand, jeder einzelnen Technik, alles weitere baut darauf auf.“

Wie recht er doch hat. Am Yoko geri keage mit Uraken habe ich dieses Wochenende deutlich gezeigt bekommen, dass ich selbst die Heian Nidan noch lange nicht ad Acta legen darf.

 

Oss!

Günther

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Name: Günther Wittwar
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